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Django Django: «Glowing In The Dark»

Foto: Horacio Bolz/Caroline International Germany/dpa

Berlin (dpa) - Gleich beim ersten Song des neuen Albums weiß jeder Fan von Django Django sofort, weshalb er diese Band schon mit ihrem Debüt vor neun Jahren liebgewonnen hatte. Zischelnde Electro-Effekte, galoppierender Groove, federleichter Gesang über sonnigen Harmonien - fertig ist mit «Spirals» ein weiterer Indie-Volltreffer der Londoner.

«Free From Gravity» ist kurz danach noch so ein Stück, das sich - dem Songtitel entsprechend - der irdischen Schwerkraft in Corona-Zeiten entzieht. Ganz bei sich sind die vier Britpopper später auch beim mitreißenden Funk-Gospel-Track «Kick The Devil Out»: Ein Tritt in den Hintern für das Böse - besser kann man Pandemie-Sorgen kaum begegnen.

Das Beste daran: Nachdem Django Django zuletzt ihren Schwung nicht immer auf Albumlänge durchhalten konnten, ist ihnen mit «Glowing In The Dark» wieder eine durchgehend starke Platte geglückt. Man fühlt sich an das selbstbetitelte, für den Mercury Prize nominierte Debüt erinnert, auf dem der Mix aus Krautrock, Psychedelia und Art-Pop sofort voll aufging.

Dabei hatten Django Django nach eigenem Bekunden zunächst gar nicht die (zumindest in Großbritannien) sehr beachtliche Pop-Karriere mit soliden Charts-Platzierungen im Sinn. «Wir sahen uns immer nur als diese seltsame kleine Band mit einem festen Kernpublikum», sagt Sänger Vincent Neff. «Wir hätten nicht gedacht, dass wir mit vier Alben auf großen Festivals spielen würden. Aber es ist passiert.»

Dass die Lieder von Django Django fast immer tanzbar sind, ohne sich modisch anzubiedern, hat sicher auch mit Produzent Dave MacLean zu tun. Schon früh orientierte er sich als Schlagzeuger und DJ am Dancefloor, probierte Techno und Electronica aus. Als er Neff an der Edinburgh School of Art traf, stimmte die Chemie sofort. Etwas später stießen Tommy Grace (Keyboards) und Jimmy Dixon (Bass) zur Band.

Mit der Gitarren-Ballade «The World Will Turn» vom neuen Album machen es sich Django Django nun sogar zwischen Simon & Garfunkel und den Beach Boys gemütlich - Retro-Folkpop können sie also auch. Und auf «Waking Up» singt Charlotte Gainsbourg mit. Très charmant, das alles.

© dpa-infocom, dpa:210209-99-361970/3

Website Django Django

Albumvorstellung: «J.T.»

Foto: Skip Bolen/EPA/dpa

Cover-Album

Steve Earle:

Verbeugung vor dem toten Sohn

Berlin (dpa) - Mindestens zwei Dinge hatten Grammy-Gewinner Steve Earle und sein Sohn Justin Townes Earle gemeinsam: ihr Talent als Singer-Songwriter zwischen Folk, Rock und Alternative-Country - sowie die lebensgefährliche Nähe zur Sucht.

Für den Jüngeren ging es nicht gut aus - er starb am 20. August mit nur 38 Jahren in der US-Musikmetropole Nashville an einer Rauschgift-Überdosis. Nun setzt ihm sein Vater, der ebenfalls lange gegen Alkoholismus und Drogen ankämpfte, per Tribute-Album ein beeindruckendes Denkmal.

Die schlicht mit den Initialen «J.T.» betitelte Songsammlung erschien digital an genau jenem 4. Januar, an dem Justin Townes Earle seinen 39. Geburtstag gefeiert hätte. Im März folgt eine Veröffentlichung auf CD und Vinyl. Steve Earle singt zehn Lieder des Sohnes - und ein eigenes Stück, das raue, rührende Requiem «Last Words». Begleitet wird er von seiner treuen Band The Dukes, die ihn in unterschiedlichen Besetzungen schon seit Jahrzehnten begleitet.

Was als Nachruf-Konzept düster und traurig klingt, ist indes eine Feier des Lebens eines begabten jungen Musikers, der es geschafft hatte, aus dem überwältigenden Schatten des Vaters herauszutreten. Songs wie «Ain’t Glad I’m Leaving» oder «They Killed John Henry» sind fröhliche Schunkler mit Elementen von Bluesgrass, Blues und Gospel, der Track «Maria» inklusive Pedal-Steel-Gitarre und Banjo verknüpft Bruce Springsteens Fernweh-Americana mit Nashville-Klängen, «Champagne Corolla» ist wunderbar swingender Rockabilly.

Auch die schöne Folk-Ballade «Turn Out My Lights» zeigt, dass sich Justin Townes Earle als Songautor nicht hinter dem Senior verstecken musste. «Es gibt viele Söhne und Töchter da draußen, die mit ihren Eltern nichts zu tun haben wollen. Kommt über diesen Mist mal hinweg», sagte «J.T.» einmal über das Verhältnis zum Vater. «Glaubt Ihr ernsthaft, man tue das, was man tut, ohne den Einfluss der Mutter oder des Vaters?» Er habe es aber trotzdem geschafft, seinen eigenen Weg als Schreiber und Gitarrist zu finden.

Steve Earle (65), der etliche Male verheiratet war und drei Söhne von drei Ehefrauen hat, sagt über den Filius: «In guten wie in schlechten Zeiten, richtig oder falsch - ich liebte Justin Townes Earle mehr als alles Andere auf dieser Welt. Abgesehen davon habe ich diese Platte - wie jede andere Platte, die ich je gemacht habe - für mich gemacht. Es war der einzige Weg, den ich kannte, um Auf Wiedersehen zu sagen.» Vor einigen Wochen veröffentlichte der Vater ein älteres Foto mit dem erwachsenen Sohn - in enger Verbundenheit, beide lachend.

Das letzte Lied, das der dreifache Grammy-Preisträger Steve Earle auf «J.T.» nun covert, heißt «Harlem River Blues». Es ist eine von Justin Townes Earles bekanntesten Kompositionen - sie wurde bei den Americana Music Awards 2011 mit dem Titel «Song of the Year» geehrt, nachdem der damals 27-Jährige 2009 bereits in der Kategorie «Aufstrebender Künstler» gewonnen hatte.

«Tell my mama I loved her/tell my daddy I tried/give my money to my baby to spend» (Sag meiner Mutter, dass ich sie liebte/erzähle meinem Vater, dass ich es versucht habe/gib Geld an mein Baby, damit es was auszugeben hat) - so lauten einige Zeilen im «Harlem River Blues». Eine bewegende Rückschau - vielleicht gar eine Anweisung für den Fall des eigenen Todes. Nun sollen alle Künstlereinnahmen und Tantiemen von «J.T.» an eine Stiftung gespendet werden - zugunsten von Etta St. James Earle, der dreijährigen Tochter von Justin Townes Earle.

© dpa-infocom, dpa:201229-99-839593/4

Website Steve Earle

 

 

Albumvorstellung: «The Reckless One»

Foto: Paul Wright/dpa

 

Samantha Martin:

Kraftvoller Southern-

Soul aus Kanada

Aretha, Mavis, Sharon, Tina - wer sich mit solchen Soul-Ikonen messen will, muss eine große Stimme haben. Und die hat Samantha Martin nun wirklich. Ihre Herkunft ist eine Überraschung.

Berlin (dpa) - Der Name der Begleitband führt etwas in die Irre: Delta Sugar - das klingt nach US-Südstaaten, dabei stammen Frontfrau Samantha Martin und ihre Mitstreiter aus Kanada. Andererseits: Musik mit berühmten Vorbildern aus dem Southern-Soul - genau das ist es, was diese Truppe macht.

Samantha Martin & Delta Sugar haben sicher nichts dagegen, wenn man ihr neues Album «The Reckless One» (Gypsy Soul/Bertus) unter «Retro» einordnet. Wer sich auf legendäre Musikerinnen wie Mavis Staples, Aretha Franklin, Sharon Jones oder Tina Turner berufen kann, für die ist ein solches Etikett eine Ehre. Zudem hat die 37-Jährige aus Toronto eine so mitreißende Power-Stimme und eine so kompetente Band, dass sie garantiert nicht im Fußvolk der Epigonen landet.

Während «Send The Nightingale» (2015), das Debüt der von Samantha Martin angeführten Delta Sugar, noch recht bescheiden daherkam, war der Nachfolger «Run To Me» (2018) schon eine opulente Gospel-Soul-Messe mit funky Rhythmen und Bläsersektion. Diesen fetten Klang bietet nun auch «The Reckless One».

Neben elf Songs, an denen Martin zumindest mitgeschrieben hat (Anspieltipp: das fulminante «I've Got A Feeling» und der Girlgroup-Track «Sacrifice) begeistert sie mit einem inspirierten Cover von Bob Dylans «Meet Me In The Morning». Zu schade nur, dass wir diese kraftvolle Stimme und den prächtigen Sound einer vielköpfigen Band wohl in absehbarer Zeit nicht live in einem schwitzigen Club (mit möglichst großer Bühne) hören können.

© dpa-infocom, dpa:201218-99-738975/3

Samantha Martin & Delta Sugar

 

 

 

Albumvorstellung: «Think Of Spring»

Foto: Holly Andres/dpa

 

Jazz-Standards als Folk-Solo:

M. Ward singt Billie Holiday

Berlin (dpa) - Viele Musiker waren im Corona-Jahr sehr produktiv - mit gleich zwei Alben wie Taylor Swift oder ungeplanten, aber grandiosen Homeoffice-Aufnahmen wie Paul McCartney. Auch der US-Sänger, Songwriter und Gitarrist M. Ward beglückte seine Fans.

Nach der sehr gelungenen Platte «Migration Stories» aus dem April ist nun mit «Think Of Spring» (Anti-/Indigo) eine weitere, aus elf Stücken bestehende Songsammlung auf dem Markt. Diesmal sind es aber keine eigenen Lieder von Matthew Stephen Ward aus Ventura County/Kalifornien, sondern «nur» Cover uralter Jazz-Standards.

Gemeinsam ist diesen Tracks, dass sie vor über 60 Jahren von der legendären tragischen Sängerin Billie Holiday (1915-1959) interpretiert wurden. Ganz konkret geht «Think Of Spring» auf das späte Holiday-Meisterwerk «Lady In Satin» (1958) zurück.

Ward - ein sensibler, wenn auch nicht herausragender Sänger und dafür umso virtuoserer Gitarrist - dimmt die zum Teil als Genre-Klassiker berühmten Lieder konsequent aufs Folk-Format herunter. Er versucht also gar nicht erst, unsterbliche Stücke wie «I Get Along Without You Very Well», «You've Changed» oder «You Don't Know What Love Is» im Stil der Jazz-Diva aufzufassen, geschweige denn sie so zu singen.

Und das tut seinen Versionen hörbar gut. Ward hat mit seiner angerauten, verträumten Folkie-Stimme eine ganz eigene Statur, um solchen Ikonen längst vergangener Songwriter-Genies neues Leben einzuhauchen. Da er seinen Gesang nur mit einer Akustikgitarre begleitet, kommt auch kein Chet-Baker-Feeling auf - der fragile Jazz-Trompeter und Sänger hatte einige dieser melancholischen Lieder ebenfalls einst großartig interpretiert.

«Lady In Satin» erschien 1958 als orchestrale Jazz-Platte über die große Plattenfirma Columbia Records - und Matt Wards spartanisch-reduzierte «Reimagination» jetzt bei einem feinen Indie-Label. Wenn «Think Of Spring» dazu führt, dass sich Musik-Gourmets auch das Original mal wieder (oder erstmals) anhören, hat der Amerikaner schon mal ein Ziel erreicht.

Er habe «Lady In Satin» selbst erst mit ungefähr 20 entdeckt, sagt der 47-Jährige. «Ich erinnere mich, dass ich den Klang ihrer Stimme fälschlicherweise für eine wunderschön perfekt verzerrte E-Gitarre gehalten habe - etwas Außerweltliches, das da über einem sonderbar traurigen Ozean von Streichern hereinflutete, und ich hing für immer am Haken.» Nun, knapp drei Jahrzehnte später, ist Ward eine zarte, berührende Billie-Holiday-Hommage geglückt.

© dpa-infocom, dpa:201218-99-749339/3

Website M. Ward

Foto: Josh Holland/dpa

Albumvorstellung: «Thunderclouds»

Zeitreise

Louis Philippe:

Perfekter Sixties-Pop

im Doppelpack

Berlin (dpa) - Es geht gleich mit einem Geniestreich los - und wird danach auch auf Albumlänge kaum schwächer: Louis Philippe, ein in der Normandie geborener Singer-Songwriter, hat mit der Band The Night Mail eine bezaubernde Platte vorgelegt.

«Thunderclouds» (Tapete) ist schon seine zweite Großtat in diesem Jahr, nach dem an Simon & Garfunkel oder The Beach Boys erinnernden Gitarrenpop-Juwel «The Devil Laughs». Dieses im Juli als Import über Tiny Global erschienene Werk hatte der Franzose mit Stuart Moxham (früher Young Marble Giants) aufgenommen.

Ein flinker Jazz-Basslauf, eine freundliche, nasale Stimme, ein weiches Piano-Riff, zarte Streicher, ein Sound-Ambiente wie in einem romantischen französischen Film der 60er: Ja, «Living On Borrowed Time», der «Thunderclouds»-Opener, ist ein grandioser Song. «The Man Who Had It All» und «The Mighty Owl» mit spanischen Gitarren schwingen sich später in ähnliche Höhen auf.

Man fühlt sich öfters an den Sophisticated-Pop von Burt Bacharach, Prefab Sprout, The Clientele, The High Llamas oder The Pearlfishers erinnert, wenn Louis Philippe mit seinem angesichts der Klangopulenz erstaunlich kleinen Ensemble ganz große Musik macht. Dass dieser Künstler - bürgerlich Philip Auclair (61) und im Hauptberuf renommierter Sportjournalist - ein toller Melodienerfinder ist, wissen Eingeweihte schon seit den 80er Jahren, als er mit dem Genießer-Label él assoziiert wurde.

Häufig blieb der Kultstar jahrelang unter dem Radar oder nahm sich Pausen - um dann umso eindrucksvoller zurückzukehren. So auch 2020 mit besagtem Doppelpack. Wenn man die noble, etwas blasierte Tenorstimme dieses Sängers mag, dann lässt sich auf beiden Alben viel Schönes entdecken.

«Ich habe noch nie auf diese Weise eine Platte mit einer Live-Band im Studio gemacht, obwohl ich das eigentlich immer einmal tun wollte», sagt Louis Philippe über «Thunderclouds». Der langjährige Wahl-Londoner hat als Ikone des «Baroque Pop» schon viele Produktionen geleitet und unterschiedlichste Arrangements für eigene oder fremde Stücke gefunden - mit dem neuen Werk betrat er also nochmal Neuland.

Ein besonderes Verdienst an dem wunderbar runden Klang des Albums kommt dem österreichischen, ebenfalls lange in England lebenden Gitarristen und Musikjournalisten Robert Rotifer sowie Bassist Andy Lewis zu. Louis Philippes Begleitband The Night Mail gibt es seit etwa fünf Jahren, als sie den legendären britischen Singer-Songwriter John Howard bei einem Comeback unterstützte - und zuletzt war sie auf dem Album von André Heller zu hören.

Mit dem formidablen, piano- und bläsergetriebenen Sixties-Pop von «When London Burns» endet eine Platte, die erst spät im Corona-Jahr erscheint - und diese schwierige Zeit so stilsicher wie nur möglich ausklingen lässt. Entspannender als auf «Thunderclouds» und «The Devil Laughs» kann musikalischer Balsam nicht sein.

© dpa-infocom, dpa:201218-99-743170/4

Website Louis Philippe

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