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Albumvorstellung: «The Reckless One»

Foto: Paul Wright/dpa

 

Samantha Martin: Kraftvoller Southern-Soul aus Kanada

Aretha, Mavis, Sharon, Tina - wer sich mit solchen Soul-Ikonen messen will, muss eine große Stimme haben. Und die hat Samantha Martin nun wirklich. Ihre Herkunft ist eine Überraschung.

Berlin (dpa) - Der Name der Begleitband führt etwas in die Irre: Delta Sugar - das klingt nach US-Südstaaten, dabei stammen Frontfrau Samantha Martin und ihre Mitstreiter aus Kanada. Andererseits: Musik mit berühmten Vorbildern aus dem Southern-Soul - genau das ist es, was diese Truppe macht.

Samantha Martin & Delta Sugar haben sicher nichts dagegen, wenn man ihr neues Album «The Reckless One» (Gypsy Soul/Bertus) unter «Retro» einordnet. Wer sich auf legendäre Musikerinnen wie Mavis Staples, Aretha Franklin, Sharon Jones oder Tina Turner berufen kann, für die ist ein solches Etikett eine Ehre. Zudem hat die 37-Jährige aus Toronto eine so mitreißende Power-Stimme und eine so kompetente Band, dass sie garantiert nicht im Fußvolk der Epigonen landet.

Während «Send The Nightingale» (2015), das Debüt der von Samantha Martin angeführten Delta Sugar, noch recht bescheiden daherkam, war der Nachfolger «Run To Me» (2018) schon eine opulente Gospel-Soul-Messe mit funky Rhythmen und Bläsersektion. Diesen fetten Klang bietet nun auch «The Reckless One».

Neben elf Songs, an denen Martin zumindest mitgeschrieben hat (Anspieltipp: das fulminante «I've Got A Feeling» und der Girlgroup-Track «Sacrifice) begeistert sie mit einem inspirierten Cover von Bob Dylans «Meet Me In The Morning». Zu schade nur, dass wir diese kraftvolle Stimme und den prächtigen Sound einer vielköpfigen Band wohl in absehbarer Zeit nicht live in einem schwitzigen Club (mit möglichst großer Bühne) hören können.

© dpa-infocom, dpa:201218-99-738975/3

Samantha Martin & Delta Sugar

 

 

 

Albumvorstellung: «Think Of Spring»

Foto: Holly Andres/dpa

 

Jazz-Standards als Folk-Solo:

M. Ward singt Billie Holiday

Berlin (dpa) - Viele Musiker waren im Corona-Jahr sehr produktiv - mit gleich zwei Alben wie Taylor Swift oder ungeplanten, aber grandiosen Homeoffice-Aufnahmen wie Paul McCartney. Auch der US-Sänger, Songwriter und Gitarrist M. Ward beglückte seine Fans.

Nach der sehr gelungenen Platte «Migration Stories» aus dem April ist nun mit «Think Of Spring» (Anti-/Indigo) eine weitere, aus elf Stücken bestehende Songsammlung auf dem Markt. Diesmal sind es aber keine eigenen Lieder von Matthew Stephen Ward aus Ventura County/Kalifornien, sondern «nur» Cover uralter Jazz-Standards.

Gemeinsam ist diesen Tracks, dass sie vor über 60 Jahren von der legendären tragischen Sängerin Billie Holiday (1915-1959) interpretiert wurden. Ganz konkret geht «Think Of Spring» auf das späte Holiday-Meisterwerk «Lady In Satin» (1958) zurück.

Ward - ein sensibler, wenn auch nicht herausragender Sänger und dafür umso virtuoserer Gitarrist - dimmt die zum Teil als Genre-Klassiker berühmten Lieder konsequent aufs Folk-Format herunter. Er versucht also gar nicht erst, unsterbliche Stücke wie «I Get Along Without You Very Well», «You've Changed» oder «You Don't Know What Love Is» im Stil der Jazz-Diva aufzufassen, geschweige denn sie so zu singen.

Und das tut seinen Versionen hörbar gut. Ward hat mit seiner angerauten, verträumten Folkie-Stimme eine ganz eigene Statur, um solchen Ikonen längst vergangener Songwriter-Genies neues Leben einzuhauchen. Da er seinen Gesang nur mit einer Akustikgitarre begleitet, kommt auch kein Chet-Baker-Feeling auf - der fragile Jazz-Trompeter und Sänger hatte einige dieser melancholischen Lieder ebenfalls einst großartig interpretiert.

«Lady In Satin» erschien 1958 als orchestrale Jazz-Platte über die große Plattenfirma Columbia Records - und Matt Wards spartanisch-reduzierte «Reimagination» jetzt bei einem feinen Indie-Label. Wenn «Think Of Spring» dazu führt, dass sich Musik-Gourmets auch das Original mal wieder (oder erstmals) anhören, hat der Amerikaner schon mal ein Ziel erreicht.

Er habe «Lady In Satin» selbst erst mit ungefähr 20 entdeckt, sagt der 47-Jährige. «Ich erinnere mich, dass ich den Klang ihrer Stimme fälschlicherweise für eine wunderschön perfekt verzerrte E-Gitarre gehalten habe - etwas Außerweltliches, das da über einem sonderbar traurigen Ozean von Streichern hereinflutete, und ich hing für immer am Haken.» Nun, knapp drei Jahrzehnte später, ist Ward eine zarte, berührende Billie-Holiday-Hommage geglückt.

© dpa-infocom, dpa:201218-99-749339/3

Website M. Ward

Foto: Josh Holland/dpa

Albumvorstellung: «Thunderclouds»

Zeitreise

Louis Philippe:

Perfekter Sixties-Pop

im Doppelpack

Berlin (dpa) - Es geht gleich mit einem Geniestreich los - und wird danach auch auf Albumlänge kaum schwächer: Louis Philippe, ein in der Normandie geborener Singer-Songwriter, hat mit der Band The Night Mail eine bezaubernde Platte vorgelegt.

«Thunderclouds» (Tapete) ist schon seine zweite Großtat in diesem Jahr, nach dem an Simon & Garfunkel oder The Beach Boys erinnernden Gitarrenpop-Juwel «The Devil Laughs». Dieses im Juli als Import über Tiny Global erschienene Werk hatte der Franzose mit Stuart Moxham (früher Young Marble Giants) aufgenommen.

Ein flinker Jazz-Basslauf, eine freundliche, nasale Stimme, ein weiches Piano-Riff, zarte Streicher, ein Sound-Ambiente wie in einem romantischen französischen Film der 60er: Ja, «Living On Borrowed Time», der «Thunderclouds»-Opener, ist ein grandioser Song. «The Man Who Had It All» und «The Mighty Owl» mit spanischen Gitarren schwingen sich später in ähnliche Höhen auf.

Man fühlt sich öfters an den Sophisticated-Pop von Burt Bacharach, Prefab Sprout, The Clientele, The High Llamas oder The Pearlfishers erinnert, wenn Louis Philippe mit seinem angesichts der Klangopulenz erstaunlich kleinen Ensemble ganz große Musik macht. Dass dieser Künstler - bürgerlich Philip Auclair (61) und im Hauptberuf renommierter Sportjournalist - ein toller Melodienerfinder ist, wissen Eingeweihte schon seit den 80er Jahren, als er mit dem Genießer-Label él assoziiert wurde.

Häufig blieb der Kultstar jahrelang unter dem Radar oder nahm sich Pausen - um dann umso eindrucksvoller zurückzukehren. So auch 2020 mit besagtem Doppelpack. Wenn man die noble, etwas blasierte Tenorstimme dieses Sängers mag, dann lässt sich auf beiden Alben viel Schönes entdecken.

«Ich habe noch nie auf diese Weise eine Platte mit einer Live-Band im Studio gemacht, obwohl ich das eigentlich immer einmal tun wollte», sagt Louis Philippe über «Thunderclouds». Der langjährige Wahl-Londoner hat als Ikone des «Baroque Pop» schon viele Produktionen geleitet und unterschiedlichste Arrangements für eigene oder fremde Stücke gefunden - mit dem neuen Werk betrat er also nochmal Neuland.

Ein besonderes Verdienst an dem wunderbar runden Klang des Albums kommt dem österreichischen, ebenfalls lange in England lebenden Gitarristen und Musikjournalisten Robert Rotifer sowie Bassist Andy Lewis zu. Louis Philippes Begleitband The Night Mail gibt es seit etwa fünf Jahren, als sie den legendären britischen Singer-Songwriter John Howard bei einem Comeback unterstützte - und zuletzt war sie auf dem Album von André Heller zu hören.

Mit dem formidablen, piano- und bläsergetriebenen Sixties-Pop von «When London Burns» endet eine Platte, die erst spät im Corona-Jahr erscheint - und diese schwierige Zeit so stilsicher wie nur möglich ausklingen lässt. Entspannender als auf «Thunderclouds» und «The Devil Laughs» kann musikalischer Balsam nicht sein.

© dpa-infocom, dpa:201218-99-743170/4

Website Louis Philippe

Label-Website

 

 

Bells Fell Silent: «Bells Fell Silent»

Foto: Wilmerin/dpa

Berlin (dpa) - Dass Folk-Musiker aus Skandinavien gern Soundtracks für dunklere Jahreszeiten schreiben, mag ein Klischee sein. Auf Gustav Sigala Haggren trifft es aber wohl zu - wie nun auch seine erste Platte im Projekt Bells Fell Silent zeigt.

Vor zwei Jahren war der Schwede mit dem erhabenen Album «Horseman Pass By» hervorgetreten, das er zusammen mit Peder Gravlund als Duo Haggren Gravlund aufgenommen hatte. An dieser Stelle war von einem «perfekten Winter-Album» die Rede. Und jetzt, wieder kurz vor Jahresende, kommt «Bells Fell Silent» heraus, Haggrens Duo-Debüt mit dem Gitarristen Niklas Hegfalk - erneut auf dem kleinen Entdecker-Label Stargazer Records.

«Horseman Pass By» lebte vom Kontrast zweier Stimmen, die Platte hatte mit Liedern auf Basis von 14 Poemen des irischen Schriftstellers William Butler Yeats (1865-1939, Literatur-Nobelpreisträger 1923) einen sehr ambitionierten Hintergrund. Die Musik pendelte zwischen Folk-Balladen, Singer-Songwriter-Pop und Midtempo-Rock, die Arrangements waren mit Gastmusikern an Cello, Geige und Blasinstrumenten teilweise prachtvoll ausstaffiert.

Haggren/Hegfalk alias Bells Fell Silent lassen es nun etwas karger angehen, ohne dass die zehn Stücke des auf Vinyl und digital erschienenen Albums deswegen weniger schön wären. Das von einem durchgehenden Loop strukturierte «Backlight» etwa ist eine so zu Tränen rührende Ballade, dass dem Hörer bekanntere Songwriter-Kollegen wie Nick Cave, Stuart Staples (Tindersticks), Bon Iver oder Christian Kjellvander als Vergleiche einfallen.

Nach Platten mit Case Conrad, Gustav and The Seasick Sailors, Shooting John und den erwähnten Haggren Gravlund war der Sänger in eine gesundheitliche und psychische Krise geraten - Zeit zum Innehalten und für ein neues Projekt. Um sich bei einem Festival nicht mit dem Songmaterial der Vergangenheit konfrontieren zu müssen, schrieb der Schwede neue Lieder, in denen er auch seine Selbstzweifel thematisierte.

Daraus entwickelte sich schließlich «Bells Fell Silent», das Album. Es wurde - man meint es zu hören - in einer abgeschiedenen Waldhütte aufgenommen, wie Haggrens Label Stargazer berichtet. Eine tiefe Ruhe und latente Düsterkeit (die aber nicht herunterzieht) geht von den Liedern aus. Wieder ein Winteralbum, wieder ein Kleinod großer Songwriter-Kunst aus Skandinavien.

© dpa-infocom, dpa:201218-99-749338/5

Bells Fell Silent auf Facebook

Label-Website

Albumvorstellung: «Fogerty's Factory»

Foto: Julie Fogerty/Promoteam Schmitt & Rauch/dpa

Schmerzen lindern

Woodstock-Veteran

im Lockdown:

John Fogertys Familienalbum

Berlin (dpa) - Seine Woodstock-Mitstreiter Jimi Hendrix und Janis Joplin sind seit 50 Jahren tot. Andere Teilnehmer des legendären Festivals wie Pete Townshend und Roger Daltrey (The Who), Neil Young und Carlos Santana genießen bis heute Weltruhm. Um John Fogerty, der im Mai ohne viel Brimborium seinen 75. Geburtstag feierte, war es indes lange sehr still.

Und das, obwohl er mit seiner Band Creedence Clearwater Revival (CCR) im August 1969 zu den Zugpferden von «Woodstock Music & Art Fair» gehörte und seither als eine der großen US-Rockikonen gilt. Jetzt liefert der im kalifornischen Berkeley geborene Gitarrist und Singer-Songwriter mit der berühmten Nebelhorn-Stimme ein äußerst sympathisches Lebenszeichen ab.

Das Album «Fogerty's Factory» enthält zwar keine neuen Lieder, sondern bewährtes Material aus seiner glorreichen Zeit mit CCR («Have You Ever Seen The Rain», «Bad Moon Rising») und den Solojahren seit 1973, außerdem zwei Evergreens von Bill Withers («Lean On Me») und Steve Goodman («City Of New Orleans»). Der Clou: Die zwölf Aufnahmen sind eine reine Familiensache aus dem Corona-Lockdown der Fogertys. In einer Quarantäne-Phase spielte der nette Patriarch John mit den Söhnen Shane und Tyler sowie Tochter Kelsy zuhause alte Songs ein.

Fans konnten daran Anteil nehmen, denn jeden Freitag wurde aus dem Heimstudio ein neues Video bei Youtube veröffentlicht. «Als die Welt im März wegen der Pandemie zum Stillstand kam, waren die Nachrichten düster und beängstigend», erzählt der Woodstock-Veteran. «Aber es brachte auch viele von uns zusammen. Wir stellten bald fest, dass wir Zeit hatten, die wir vorher nie hatten. Unsere Familie wollte etwas tun, das uns ein Lächeln schenken oder anderen helfen könnte.»

Seine Frau Julie, der Fogerty einst das Liebeslied «Joy Of My Life» (Freude meines Lebens) widmete, habe daher vorgeschlagen, «Musik zu machen, um den Schmerz, den wir alle empfanden, etwas zu lindern. In unserer Familie hat uns die Musik so viel Freude gebracht, und wir dachten, wir könnten diese Freude irgendwie teilen.»

Die Videos wurden von Millionen Zuschauern angeschaut. Außerdem gab es ein Radio-Special «The Fogerty Rockin' Family Hour», bei dem der vitale alte Herr mit seinen Kindern über die Musik und das Leben sprach. Die familiären Bindungen gingen so weit, dass Julie Fogerty und ein anderer Verwandter, Bob Fogerty, das Cover-Artwork und die Fotos zu dem Album übernahmen - unübersehbar eng angelehnt an die Plattenhülle des 50 Jahre alten CCR-Klassikers «Cosmo's Factory».

Dass Fogerty, immerhin Autor des Anti-Vietnamkriegs-Songs «Fortunate Son», immer noch ein politischer Künstler ist, zeigt er mit seiner Version von «Lean On Me», einem wichtigen afroamerikanischen Lied. «Wir leben in einer bemerkenswerten Zeit», sagt er vor den ersten Akkorden des Withers-Stücks. «Protestierende in ganz Amerika und überall auf der Welt stehen auf gegen das Böse des Rassismus. Ich bin so stolz auf die jungen Menschen dieser Generation.» Es gehe um Menschenrechte und Mitgefühl, betont der 75-Jährige. Sehr berührend.

Ja, es tut gut, auf diesem Lockdown-Album die engagierten Worte und den immer noch markanten Gesang des begnadeten Musikers John Fogerty zu hören. Denn leider gibt es in seiner über 50-jährigen Karriere bedauernswerte Leerstellen.

Die 1967 gegründete Blues- und Countryrock-Band CCR, zu der auch sein Bruder Tom gehörte, war zeitweise fast so groß wie die Rolling Stones oder die Beatles - mit Welthits wie «Proud Mary», «Green River» oder «Who'll Stop The Rain». Der «Rolling Stone» zählt John Fogerty zu den besten Sängern und Songwritern aller Zeiten. Er gewann 1997 solo einen Grammy, ist Mitglied der «Rock And Roll Hall Of Fame» und hat einen Stern auf dem «Hollywood Walk of Fame».

Aber es gibt kein nennenswertes Fogerty-Spätwerk, also keine großen Lieder aus den vergangenen 20 Jahren. Zuletzt kamen von ihm Live-Alben, CCR-Wiederveröffentlichungen und Best-of-Kompilationen, auf «Wrote A Song For Everyone» (2013) genoss er die Ehrerbietung jüngerer Kollegen. Der familiäre Zeitvertreib mit «Fogerty's Factory» bietet zwar wieder nichts Neues, tröstet mit seiner anheimelnden Warmherzigkeit aber immerhin ein wenig über dieses Manko hinweg.

© dpa-infocom, dpa:201117-99-360026/4

Website John Fogerty

 

 

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