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Albumvorstellung: «Ultra Mono»

Foto: Tom Ham/Partisan/Pias/Rough Trade/dpa

 

Berlin (dpa) - Eines vorweg: Diese Jungs sind nicht so, wie sie klingen. Wütend, brutal und leicht psychotisch kommt der Sound der Idles daher. Die Songs klingen, als prügle sie einem ein betrunkener Preisboxer in einer Bristoler Hinterhof-Bar direkt ins Gesicht - und direkt danach brechen alle in hysterisches Lachen aus.

Auf ihrem dritten Album «Ultra Mono» haben die fünf Briten das Prinzip Dampfwalze zur Perfektion getrieben. Im Opener «War» etwa schieben verzerrter Bass, kreischende Gitarre und stampfende Drums gleich von Beginn an ordentlich an. Sänger Joe Talbot schreit und wütet mit kratziger Stimme darüber.

Was die Idles aber wirklich zu einer der spannendsten Bands der Insel macht, ist das, was zwischen dem Soundgewitter hängen bleibt. Da sind zum einen die Texte und der Hang zum schwarzen Humor und zu schrägen Bildern. Wer startet sein Album schon mit phonetischen Kriegsgeräuschen? «Whaching!» (das Schwert), «Clack clack clack a clang clang» (die Pistole) oder «Tuka tuk tuk tuk tun tuka!» (die Bedienung einer Drohne) - um nur einen Auszug aus dem Textbuch zu zitieren.

Und da ist zum anderen der erkennbare Wille, Klischees mit der Gitarre zu zertrümmern. Denn so bärtig und tätowiert die fünf Musiker auch sind, so breitbeinig ihr Sound klingt, so ekstatisch ihre Liveshow ist - so viel kehren sie auch von ihrer Verwundbarkeit nach außen.

Die eigene toxische Männlichkeit, mentale Gesundheit, die Totgeburt von Talbots erstem Kind, das alles sind Themen, die die Idles schon verarbeitet haben. Sie selbst sagen in einem «Guardian»-Interview: «Als Rockband subversiv zu sein, bedeutet, liebevoll zu sein und Mitgefühl und Empathie zu zeigen.»

Ja, die Idles walzen mit «Ultra Mono» alles nieder. Aber immer mit dem Ziel, auf den Trümmern zarte Pflänzchen der Liebe und des Gemeinschaftsgefühls zu säen.

© dpa-infocom, dpa:200922-99-659514/4

Website Idles

 

 

Albumvorstellung: «Vote this joke out»

Foto: Def Jam/Universal Music/dpa

 

Berlin (dpa) - Public Enemy, das ist die Rap-Truppe, die als erste Formation ohne Rücksicht auf Verluste auf Konfrontationskurs mit dem weißen Amerika ging - und mit ihrer Attitüde viele weiße Teenager, die eher dem Rock oder Metal anhingen, begeisterte.

Rapper Chuck D und Flavor Flav spielten zu Zeiten der konservativen US-Präsidenten Ronald Reagan und George Bush senior gezielt mit weißen Ängsten: Bodyguards in Militäruniformen sorgten für militante Bühnenauftritte, die an die radikale Black-Panther-Bewegung erinnerten. Eines ihrer frühen Alben hieß «Fear of a Black Planet».

An diesen Konfrontationskurs knüpfen Public Enemy mit ihrer 15. Platte «What You Gonna Do When The Grid Goes Down» an. Sie stellen die grundsätzliche Frage, was denn ihre Landsleute tun würden, wenn sie in einem post-apokalyptischen Szenario auf Elektrizität und alle damit verbundenen Annehmlichkeiten verzichten müssten.

Auf dem Track «GRID» mit minimalistischem Beat rappt Chuck D: «Wir sind alle abhängige Männer, Frauen und Kinder / Kein Internet, keine Textnachricht, keine Tweets / Wird wie die 80er aussehen, mit Feinden auf der Straße.» Und in Anspielung auf aktuelle Ereignisse wie zuletzt den Tod des Afroamerikaners George Floyd: «Mehr Polizeigewalt, aber keine Posts von Leuten, die es filmten.»

Public Enemy lassen auf dem Track «State of the Union (STFU)» keinen Zweifel daran, wer für sie der Hauptfeind ist. Sie gehen hart mit US-Präsident Donald Trump ins Gericht. Sie fordern ihre Hörer auf: «Vote this joke out» - sie sollen diesen schlechten Scherz eines Präsidenten abwählen.

Einer der prominentesten Tracks, den Public Enemy ursprünglich 1989 im Auftrag des Regisseurs Spike Lee als Soundtrack zu dessen Film «Do the Right Thing» schrieben, entwickelte sich zu ihrem Schlachtruf: «Fight the Power». Für das neue Album haben sie ihn neu aufgenommen und vorab als Single «Fight the Power 2020» ausgekoppelt - mit einer illustren Runde von Gastrappern, darunter Nas und Black Thought von den Roots.

Eine Retrospektive ist auch der Titel «Public Enemy Number Won», der die beiden verbliebenen Beastie Boys, Mike D und Ad Rock, beteiligt. Es ist eine Art Remix des fast gleichnamigen Titels «Public Enemy No. 1» von Public Enemys Debütalbum von 1987, dem Jahr, in dem sie als Vorband der Beastie Boys auf Tour gingen.

Mit «The Grid Goes Down» bleiben Public Enemy sich auch nach über 30 Jahren im Rap-Geschäft treu. Musikalisch ist es ein Album für all jene, die gerne auf weichere R'n'B-Einflüsse im Hip-Hop verzichten. Für die alte Garde der Fans lassen sie die Zeiten wieder aufleben, als der Rap erstmals mit aller Wucht zum militanten Sprachrohr des Klassenkampfes wurde.

Traurig ist dabei, dass sich in den vergangenen 30 Jahren, seit sie das schwarze Amerika und alle die es hören wollten, dazu aufforderten, sich den Mächtigen in den Weg zu stellen, um für Gleichberechtigung zu kämpfen, nicht viel geändert hat. Doch das heißt auch, dass Public Enemys Botschaft angesichts der heiklen politischen Lage in den USA relevant bleibt.

© dpa-infocom, dpa:200922-99-659517/4

Website Public Enemy

 

 

Bobby Rush. Foto: Deep Rush Records/dpa

Albumvorstellung: «Rawer Than Raw»

Berlin (dpa) - In der Musik von Bobby Rush schwingen die Wellen des Mississippi mit, über den in einer längst vergangenen Zeit Schaufelraddampfer hinweggleiten. Man mag dabei auch an Tom Sawyer oder kleine Farmen und Siedlungen am Wasser denken - das neue Album «Rawer Than Raw» hat all das in sich.

Natürlich, denn schließlich ist das Album als Hommage an die Blues-Geschichte von Mississippi gedacht und wird diesem Anspruch auch mit jeder Note gerecht.

Dabei stammt der Blues-Musiker gar nicht aus Mississippi. Vielmehr stammt er aus der Nähe von Homer in Louisiana, wo er vor 86 Jahren das Licht der Welt erblickte und auf den Namen Emmett Ellis Jr. getauft wurde. Da er schon früh beschloss, in die Welt der Musik einzusteigen, legte er sich den Künstlernamen Bobby Rush zu, um, wie er später sagte, seinem Vater «keine Schande anzutun».

Nun, da hätte er sich keine Sorgen machen müssen. Der Erfolg, der sich ab den 70er Jahren einstellte, wäre sicherlich auch sein Vater stolz gewesen. Seit Jahrzehnten ist Bobby Rush in der Welt des Blues eine feste Größe. «Der Mann ist ein internationaler Schatz», würdigt ihn Blues-Weltstar Joe Bonamassa. Er sei «einer von denen, die noch echten Blues spielen». Leider, fügt Bonamassa hinzu, «gibt es nicht mehr viele von ihnen».

Das neue Album ist der Nachfolger von Rushs «Sitting on Top of the Blues» aus dem Jahr 2019. «Rawer Than Raw» ist ein musikalischer Querschnitt durch die Geschichte der Mississippi Blues Hall of Fame. Rush covert auf dem Album eine Reihe von Klassikern seiner Weggefährten, wie etwa Robert Johnson, Skip James, Howlin' Wolf, Sonny Boy Williamson II oder Muddy Waters.

Doch es gibt auch fünf Rush-Originale - «Down in Mississippi», «Let Me in Your House», «Sometimes I Wonder», «Let's Make Love Again» und «Garbage Man». «Obwohl ich aus Louisiana stamme, bin ich stolz darauf, Mississippi mein Zuhause zu nennen», bekennt er. Er verneige sich vor den Menschen aus Mississippi, denn sie seien ihren Wurzeln treu geblieben. «Wenn ihr die echten Blues-Erfahrungen sucht, dann kriegt ihr sie nur von denen, die aus Mississippi stammen.» In seinem Fall ist dies auch auf Wahlbürger Mississippis übertragbar.

Das neue Album hat mit Sicherheit auch die Qualität, es in den Charts ganz nach oben zu schaffen. Aber schon bei seinem Vorjahresalbum meinte Rush, man können nicht einfach hingehen und einen Hit komponieren. «Du kannst nur dein Bestes geben und darauf hoffen, dass es ein Hit wird.» Und «Sitting on Top of the Blues» ist schließlich für einen Grammy nominiert worden.

© dpa-infocom, dpa:200805-99-46219/4

Website Bobby Rush

Busty And The Bass: «Eddie»

Foto: Label

Berlin (dpa) - Na klar, es ist total «retro», was die Band Busty And The Bass auf ihrem Album «Eddie» macht. Funk, Soul, Hip-Hop und Jazz werden hier nicht neu erfunden, der Innovationswille der achtköpfigen Truppe aus Montreal tendiert gegen Null. Aber schön ist's halt doch.

Das Mitte August auf dem Label Arts & Crafts (Vertrieb: Caroline/Universal) erschienene Werk wäre in normalen Zeiten «vor Corona» ein sicherer Kandidat für ausgelassene Open-Air-Tanzpartys gewesen. Die Bläser erinnern an frühere Sommermusik-Spezialisten wie Earth Wind & Fire. Groovige, Midtempo- und balladeske Songs wechseln sich wunderbar harmonisch ab, die Sänger haben alles drauf, was Soul aus dem Hause Motown in den 70er Jahren so toll machte.

Wer sich von den derzeit modischen R&B-Erneuerungen mit skelettierten Beats, dünnen Melodien und hochgepitchten Autotune-Stimmen genervt fühlt, wird auf «Eddie» also viel Gutes finden. Zumal das Album prominente Gäste wie die Electro-Funk-Ikone George Clinton (Parliament, Funkadelic) und R&B-Sängerin Macy Gray (auf der Single «Out Of Love») zu bieten hat.

Die aus Kanadiern, US-Amerikanern und Musikern beider Staatsbürgerschaften bestehende Band hat eine mehr als respektable Entwicklung hinter sich - von einer instrumentalen Jazz-Band der McGill University in Montreal auf internationale Bühnen. Nach den EPs «Glam» (2015) und «Lift» (2016) sowie dem 2017er Studiodebüt «Uncommon Good» gehen die Retro-Soulfunker ihren traditionsverbundenen Weg selbstbewusst weiter.

Auf Live-Auftritte mit diesem temperamentvollen Sound - hoffentlich dann 2021! - darf man sich freuen. «Wir wollen den Leuten letztlich nur Freude bringen», heißt es von Busty And The Bass. «Wir hoffen, dass "Eddie" ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.» Das sollte gelingen.

© dpa-infocom, dpa:200828-99-345781/4

Busty And The Bass

Albumvorstellung: «Have You Lost Your Mind Yet?»

Foto: Label

Fantastic Negrito:

Auf den Blues-Grammy abonniert?

Mit seinen beiden vorherigen Alben kam Fantastic Negrito zu Grammy-Ehren. Die neue Platte erzählt wieder Geschichten aus dem afroamerikanischen Alltag - und über diesen modernen Blues- und Soul-Musiker selbst, der schon viele Höhen und Tiefen erlebte.

Berlin (dpa) - Ob die Erfolgsgeschichte des Xavier Dphrepaulezz alias Fantastic Negrito einfach so weitergeht? Immerhin gewann der Blues-Musiker aus Kalifornien zuletzt zwei Blues-Grammys.

Und auch sein neues Album «Have You Lost Your Mind Yet?» (Cooking Vinyl) ist ein zeitgemäßes Crossover-Werk zwischen Blues, Funk, Soul, Rock und Gospel, das den 52 Jahre alten Sänger und Gitarristen für höhere Weihen qualifizieren könnte.

Gerade in Zeiten von «Black Lives Matter» und tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze sind die Fantastic-Negrito-Songs aus dem afroamerikanischen Alltag so bedrückend aktuell wie selten. Jeder Track erzählt zugleich etwas über den Musiker aus Oakland bei San Francisco, der die Höhen eines Millionen-Dollar-Plattenvertrags erlebte, die Tiefen eines beinahe tödlichen Autounfalls - und dann Erfolge auf die großen Bühne der Popmusik.

Man muss einräumen, dass Dphrepaulezz den Horizont seiner beiden starken Vorgänger-Alben «The Last Days Of Oakland» (2016) und «Please Don't Be Dead» (2018) nicht groß erweitert - eventuell ein Stück weit in Richtung einer bluesigen Soul-Musik, die gelegentlich sogar an Prince erinnert (etwa im tollen «Your Sex Is Overrated»). Ein Play-Safe-Album ist «Have You Lost Your Mind Yet?» deswegen aber nicht - zumal die Gitarre und der Gesang dieses Musikers jederzeit für eine Gänsehaut gut sind.

Wie nah am Zeitgeist und wie empathisch Fantastic Negrito ist, zeigte er Ende März mit einem Video zur Single «Chocolate Samurai», für das sich Fans während der ersten Tage der Pandemie zu Hause gefilmt hatten. «Ich bat Menschen auf der ganzen Welt, mir Filmmaterial darüber zu schicken, wie sie mit dem Coronavirus umgehen. Das ist es, was zurückkam. Ein Moment des Lichts. Wir mögen hinter verschlossenen Türen isoliert sein, aber wir stecken da gemeinsam drin.»

© dpa-infocom, dpa:200828-99-346712/4

Fantastic Negrito

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