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Albumvorstellung

Foto: Paul Shoul/Earmusic/Edel

Guesswork

Folkpop trifft Elektronik:

Feine Fusion von Lloyd Cole

 

Berlin (dpa) - Etwas muffelig schaut Lloyd Cole vom Cover seines neuen Albums. Nötig hätte er das nicht. Denn «Guesswork» (earMusic/Edel) ist eine zwar zunächst gewöhnungsbedürftige, dann aber sehr interessante Erweiterung seines Folkpop-Sounds. Er dürfte also durchaus gut gelaunt und glücklich damit sein.

Cole gilt als Inbegriff des klugen, sensiblen Singer-Songwriters im Großbritannien der 80er Jahre. Sein Debüt «Rattlesnakes» mit der Band The Commotions (1984) steht in diversen Bestenlisten dieses Jahrzehnts weit oben, der Nachfolger «Easy Pieces» (1985) - obwohl sehr solide - konnte da nicht mithalten. Anfang der 90er Jahre zog der Brite an die US-Ostküste und lebt dort bis heute mit seiner Familie.

Ein herausragender, auch neugieriger Musiker blieb Cole auf seinen sporadischen Veröffentlichungen immer. Nach Country-Pop («Broken Record» von 2010) und Folkrock («Standards» von 2013) markiert «Guesswork» nun mit einer weiteren sachten Kursänderung den Beginn eines sicherlich spannenden Alterswerks.

Feinste Folk-Melodien verschmilzt der 58-Jährige mit Old-School-Elektronik. Seine Synthie-Klänge klingen angesichts kühnerer Experimente junger Laptop-Künstler ein wenig altbacken - der Brillanz dieser Hybrid-Songs schadet das aber nicht.

Die Elektro-Folk-Fusion kommt bei Lloyd Cole nicht ganz überraschend - schon mit «Plastic Wood» (2001) und «1D Electronics 2012-2014» (2015) hatte er Krautrock und Ambient ausprobiert. «Guesswork» ist nun weniger kompromisslos «anders», zumal die jung gebliebene Stimme dieses wunderbaren Sängers stets vornehm über all dem Keyboardgeplucker und -geklingel schwebt.

Im Deutschlandfunk bestätigte Cole kürzlich, dass die vermeintliche Sound-Erneuerung für ihn gar nicht so ungewöhnlich sei: «Elektronische Musik ist Teil meines Lebens, seit ich ein Junge war. (...) Mein erster Versuch, Musik mit meiner Band The Commotions zu machen, war ein elektronischer Ansatz. Aber die Commotions fanden einen anderen Sound, der zu ihnen passte, wenn wir zu fünft Musik machten, und der war von Gitarren dominiert.»

Im besten Fall erinnert Lloyd Cole, der diesmal mit seinen alten Weggefährten Neil Clark, Blair Cowan und Fred Maher aufnahm, in atemberaubend schönen Balladen wie «Remains» oder «The Loudness Wars» an die schottische Dreampop-Band The Blue Nile. Aber auch «The Over Under» und «When I Came Down From The Mountain» reihen sich bei den Höhepunkten im Cole-Gesamtkatalog ein.

Nur «Night Sweats» fällt ab mit Stampf-Beat und etwas aufdringlichem E-Gitarren-Solo. Ansonsten ließen sich die Stücke auch ohne elektronischen Zierrat auf einer Klampfe spielen - immer ein gutes Zeichen. Fazit: «Guesswork» ist eines der stärksten Cole-Alben seit «Love Story» (1995), seinem zweiten großen Meisterwerk nach «Rattlesnakes».

Dass er sechs Jahre benötigte bis zu dieser neuen Platte, begründet Lloyd Cole im Deutschlandfunk-Interview so: «Ein Grund, warum es so lange gedauert hat, bis ich mit diesem Projekt anfangen konnte, war Angst. Ich wusste nicht, ob ich die Belastung aushalten würde, für ein Jahr alleine mit mir in einem Raum zu sein. Egal wie viel Freude es manchmal bringt, etwas aufzunehmen - die Arbeit an sich zehrt mich aus.»

So sei «Guesswork» (zu deutsch: Rätselraten, Mutmaßen) eine große Herausforderung für ihn geworden. «Es gab viele Tage, an denen ich mir nicht sicher war, ob ich das Ganze abschließen kann.» Zum Glück für Fans zeitlos schöner Singer-Songwriter-Musik mit dem gewissen Etwas hat Cole es geschafft.

Website Lloyd Cole

 

 

 

Anima - Es bleibt kompliziert: Elektropop von Thom Yorke

Kryptisch, komplex und nicht immer leicht zugänglich: Neue Musik von Thom Yorke. Foto: Amy Harris/AP

Berlin (dpa) - Seine Hauptband Radiohead ist seit drei Jahren verstummt, doch Sänger Thom Yorke ruht sich als mittelalte Rocklegende nicht auf den Lorbeeren aus.

Mit Produzenten-Genie Nigel Godrich und Computerkünstler Tarik Barri zieht der 50-Jährige durch die Welt, um seine Solowerke live aufzuführen. Diese unterscheiden sich vom Radiohead-Sound - auch auf «Anima», dem jetzt erschienenen dritten Yorke-Studioalbum, einer betörenden, manchmal auch anstrengenden Elektropop-Mixtur.

Zwar war das 1985 gegründete Gitarrenrock-Quintett aus Oxford nach einem der atemberaubendsten Stil-Schwenks der Pophistorie mit den Alben «Kid A» (2000) und «Amnesiac» (2001) selbst zur elektronischen Musik konvertiert. Doch so konsequent wie Thom Yorke in seinem Soloschaffen waren Radiohead am Ende nicht. Das wunderschöne «A Moon Shaped Pool» (2016) etwa markierte eine Rückkehr zum Songformat und verschaffte der Band wieder einen Nummer-eins-Hit im heimischen Großbritannien.

Das weniger auf Gefälligkeit zielende «Anima» geht einher mit einem gleichnamigen, bei Netflix abrufbaren Video des Oscar-dekorierten Regisseurs Paul Thomas Anderson («Magnolia», «There Will Be Blood»). Darunter macht es der in seinem künstlerischen Anspruch durchaus zur Eitelkeit neigende Yorke offenbar nicht. Drei der neun Albumtracks tauchen in dem Kurzfilm auf.

Wer nun - nach einer kurzfristigen digitalen Vorab-Veröffentlichung Ende Juni - das ganze Werk auf CD oder Vinyl hört, wird sich der Sogkraft dieser Laptop-Musik kaum entziehen können. Wie schon auf seinem teilweise orchestralen Soundtrack für den Horrorfilm «Suspiria» im vergangenen Jahr legt es Yorke kaum auf zugängliche Melodien mit Strophe und Refrain an, sondern auf verschachtelte Klanggemälde.

Bis auf wenige Schlagzeugpassagen von Top-Studiodrummer Joey Waronker und Radiohead-Kumpel Phil Selway wird hier praktisch alles mit modernster Elektronik erzeugt. Über dem Geknister und Gedröhne, den Stolper-Beats, Loops und Soundeffekten liegt schließlich dieser hohe, klagende, anrührende Yorke-Gesang. Die Texte bleiben meist kryptisch.

Gleichwohl sind diese Tracks - ungeachtet ihrer komplizierten Struktur - insgesamt einnehmender als auf den beiden ersten Soloalben des Radiohead-Frontmannes («The Eraser» von 2006 und «Tomorrow’s Modern Boxes» von 2014). Besonders die ätherische Ballade «Dawn Chorus», das von einem unwiderstehlichen Bass-Groove angetriebene «Impossible Knots» und das mit afrikanischen Wüstenblues-Versatzstücken jonglierende «Runwayaway» stechen hervor.

Radiohead haben sich trotz längerer Funkstille bisher nicht aufgelöst - obwohl von einer solchen quasi unausweichlichen Entscheidung seit Jahren gemunkelt wird, weil die Band alles erreicht und ausprobiert habe. Klar ist aber auch, dass zumindest ihr Sänger mit seinen ambitionierten Soloalben und auch Gitarrist Jonny Greenwood als etablierter Hollywood-Soundtrack-Komponist längst fest auf eigenen Füßen stehen. «Anima», ein kleines Wunderwerk des Elektropop, unterstreicht erneut Thom Yorkes spannende Weiterentwicklung - und seine Ausnahmestellung.

Wasteheadquarters

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