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Albumvorstellung

Foto: Britta Pedersen

Threads

Sheryl Crow genießt das Leben

London (dpa) - Wer Sheryl Crow in diesen Tagen erlebt, ob bei einem Konzert oder im Interview über ihr neues Album «Threads», der spürt ihre ansteckende Lebensfreude.

«Nur weil man älter wird, heißt das ja nicht, dass man keinen Spaß mehr haben kann», sagt die 57 Jahre alte US-Sängerin und Songwriterin («All I Wanna Do») im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Erst wenn man älter wird, hat man wirklich etwas gelernt. Erkenntnisse, harte Rückschläge. Und dann versteht man es, mit Dankbarkeit und Freude zu leben.»

Sheryl Crow hat selbst harte Rückschläge erlebt, allen voran die Diagnose Brustkrebs im Jahr 2006. Kurz zuvor war die Trennung von ihrem Verlobten, dem Rennradfahrer Lance Armstrong, bekannt geworden. Sie besiegte den Krebs. Und heute lässt sich die alleinerziehende Mutter von zwei Jungs nicht mehr leicht aus der Ruhe bringen. «Über die kleinen Dinge regt man sich dann nicht mehr auf», sagt Crow.

Darum geht es auch in dem lässigen Gute-Laune-Song «Still The Good Old Days», den sie auf ihrem neuen Album mit dem Eagles-Gitarristen Joe Walsh singt. «Wir beide scherzen, dass das hier ja immer noch die guten alten Tage sind», sagt sie. «Weil wir uns dran erinnern können. Joe hatte viele Jahre, wo er ein bisschen im Eimer war.» Bis in die 90er Jahre hatte Walsh mit Alkohol- und Drogenproblemen zu kämpfen. Die gute alte Zeit? Für Crow zählt die Gegenwart mehr.

Neben Walsh sind auf «Threads» (zu deutsch: Fäden) viele Musikgrößen als Gäste zu hören, darunter Stevie Nicks, Eric Clapton, Rapper Chuck D und die 80-jährige Blues- und Soulikone Mavis Staples. Sehr emotional sei es für sie gewesen, dieses Album zu machen und «mit Leuten zu arbeiten, deren Alben ich als Kind besessen habe», schwärmt Crow.

Mit Clapton, mit dem sie einst liiert war, und mit Sting coverte sie George Harrisons «Beware Of Darkness». «Ich habe Eric aus nahe liegenden Gründen gefragt», erzählt Crow. «Er war immer ein lieber Freund und eine große Inspiration.» Auch Sting sei «ein großartiger Freund», betont Crow. «Er war immer für mich da. Er war da, als bei mir Brustkrebs diagnostiziert wurde, und hat mich echt unterstützt.»

Höhepunkt ihres abwechslungsreichen Albums ist «Redemption Day», ein ergreifendes Duett mit der 2003 gestorbenen Country-Legende Johnny Cash. «Kommt, ihr Anführer, kommt, ihr bedeutenden Männer, lasst uns eure hochtrabenden Reden hören», singt Cash - und klingt 16 Jahre nach seinem Tod so aktuell, als hätte er dies erst gestern aufgenommen. «Eure Tugenden habt ihr weggeworfen, wir hören euch nicht zu.»

1996 hatte Crow den Song erstmals veröffentlicht, 2002 nahm Cash seine Coverversion auf, bei der sich Crow nun mit Zustimmung von Cashs Familie für das Duett bediente. «Auf eine mystische Art schließt sich der Kreis», sagt sie. «Bei allem, was in der Politik in den USA passiert, und dem aktuellen Klima, der gesellschaftlichen Spaltung und dem Angriff auf die Wahrheit, habe ich das Gefühl, dass der Song wirklich seinen perfekten Moment gefunden hat.»

In dem bildgewaltigen Musikvideo zu «Redemption Day», das Szenen von Kriegsschauplätzen und Demonstrationen mit Bildern von Politikern und den beiden Musikern mischt, geht Crow auf die Knie und weint. «Es macht mich persönlich sehr betroffen, dass wir unsere Lektion offenbar nicht gelernt haben», erklärt sie. «Ich nehme es persönlich, dass unsere derzeitige Regierung sich absolut nicht darum kümmert, welche Auswirkungen ihr Handeln auf die nächsten Generationen hat.»

«Threads» könnte Sheryl Crows letztes Album sein. Weil die Musik ohnehin «nur in Einzelstücken in Playlisten landet», werde sie in Zukunft lieber einzelne Songs veröffentlichen. Ein Ende der Musik ist für sie nicht in Sicht. «Ich bin extrem dankbar, dass ich das, was ich tue, immer noch machen kann, dass es mir gesundheitlich gut geht, dass es mir Spaß macht und ich mich jugendlicher fühle als je zuvor», sagt Crow und strahlt. «Das Leben ist also gut.»

 

Website Sheryl Crow

Video "Redemption Day"

Common rappt gegen den Hass an. Foto: Philip Dethlefs

Let Love

US-Rapper Common

setzt auf die Liebe

US-Rapper Common ist auch als Schauspieler, Autor, Aktivist und Redner viel beschäftigt. Bei der Produktion seines neuen Albums konnte sich der 47-Jährige mal wieder auf die Musik konzentrieren.

London (dpa) - US-Rapper Common («I Used to Love HER») ist auch mit anderen Dingen stark beschäftigt - als Schauspieler, Autor, Aktivist und Redner. Während der Produktion seines neuen Albums «Let Love» konnte sich der 47-Jährige aber voll auf die Musik konzentrieren.

«Dafür bin ich sehr dankbar», sagte er der Deutschen Presse-Agentur in London. «Ich hab zu der Zeit nicht versucht, an irgendeinem Film mitzuwirken, und mich auch sonst nicht um viel anderes Zeug gekümmert.»

Der Albumtitel ist die Kurzform von «Let Love Have The Last Word». So heißt Commons im Mai erschienene Autobiografie, die Inspiration für die meisten Songs des neuen Albums war. Die Liebe, so glaubt der Rapper, sei die Antwort auf viele Probleme der Gegenwart. «Wie schon Marvin Gaye sagte: Nur Liebe kann den Hass besiegen», erklärt Common. «Das Wort zu sagen, ist aber nicht genug, es braucht auch Taten.»

In «Good Morning Love» lobt Common die #MeToo-Bewegung, «weil diese Welt unbalanciert ist, wenn wir keine Gleichberechtigung für Frauen haben». Er räumt ein, dass das Wort «bitches» (Schlampen) im Hip-Hop verbreitet ist. «Das will ich nicht abstreiten», sagt er, aber: «Die Hip-Hop-Kultur hat immer auch Frauen in den Vordergrund gestellt.»

Der Song «HER Love» beschreibt Commons Liebe zur Musik. «HER» steht für «Hip-Hop in its Essence and Real» (Hip-Hop in seiner Essenz und Echtheit), wie Common es 1994 in seinem genre-kritischen Klassiker «I Used To Love HER» besungen hat, der damals einen öffentlichen Streit mit Rapper Ice Cube entfachte. Inzwischen sind die beiden Kumpels.

«Ich sehe, wie sich Hip-Hop entwickelt und verändert», sagt Common heute. «Die Kultur liebe ich jederzeit, aber mir gefällt nicht immer, wo die Musik gerade steht.» Mit «HER Love» wolle er ausdrücken, «wie wertvoll Hip-Hop bisher für mein Leben war, wie kraftvoll es ist und wie dankbar ich der Kultur bin».

Nach der Veröffentlichung des Albums gibt Common im September zwei Konzerte in Deutschland. Und ab November ist er im Thriller «The Informer» wieder im Kino zu sehen.

Konzerte: 15. September - Köln, Carlswerk, 16. September - Berlin, Astra

Website Common

 

 

Albumvorstellung

Foto: Paul Shoul/Earmusic/Edel

Guesswork

Folkpop trifft Elektronik:

Feine Fusion von Lloyd Cole

 

Berlin (dpa) - Etwas muffelig schaut Lloyd Cole vom Cover seines neuen Albums. Nötig hätte er das nicht. Denn «Guesswork» (earMusic/Edel) ist eine zwar zunächst gewöhnungsbedürftige, dann aber sehr interessante Erweiterung seines Folkpop-Sounds. Er dürfte also durchaus gut gelaunt und glücklich damit sein.

Cole gilt als Inbegriff des klugen, sensiblen Singer-Songwriters im Großbritannien der 80er Jahre. Sein Debüt «Rattlesnakes» mit der Band The Commotions (1984) steht in diversen Bestenlisten dieses Jahrzehnts weit oben, der Nachfolger «Easy Pieces» (1985) - obwohl sehr solide - konnte da nicht mithalten. Anfang der 90er Jahre zog der Brite an die US-Ostküste und lebt dort bis heute mit seiner Familie.

Ein herausragender, auch neugieriger Musiker blieb Cole auf seinen sporadischen Veröffentlichungen immer. Nach Country-Pop («Broken Record» von 2010) und Folkrock («Standards» von 2013) markiert «Guesswork» nun mit einer weiteren sachten Kursänderung den Beginn eines sicherlich spannenden Alterswerks.

Feinste Folk-Melodien verschmilzt der 58-Jährige mit Old-School-Elektronik. Seine Synthie-Klänge klingen angesichts kühnerer Experimente junger Laptop-Künstler ein wenig altbacken - der Brillanz dieser Hybrid-Songs schadet das aber nicht.

Die Elektro-Folk-Fusion kommt bei Lloyd Cole nicht ganz überraschend - schon mit «Plastic Wood» (2001) und «1D Electronics 2012-2014» (2015) hatte er Krautrock und Ambient ausprobiert. «Guesswork» ist nun weniger kompromisslos «anders», zumal die jung gebliebene Stimme dieses wunderbaren Sängers stets vornehm über all dem Keyboardgeplucker und -geklingel schwebt.

Im Deutschlandfunk bestätigte Cole kürzlich, dass die vermeintliche Sound-Erneuerung für ihn gar nicht so ungewöhnlich sei: «Elektronische Musik ist Teil meines Lebens, seit ich ein Junge war. (...) Mein erster Versuch, Musik mit meiner Band The Commotions zu machen, war ein elektronischer Ansatz. Aber die Commotions fanden einen anderen Sound, der zu ihnen passte, wenn wir zu fünft Musik machten, und der war von Gitarren dominiert.»

Im besten Fall erinnert Lloyd Cole, der diesmal mit seinen alten Weggefährten Neil Clark, Blair Cowan und Fred Maher aufnahm, in atemberaubend schönen Balladen wie «Remains» oder «The Loudness Wars» an die schottische Dreampop-Band The Blue Nile. Aber auch «The Over Under» und «When I Came Down From The Mountain» reihen sich bei den Höhepunkten im Cole-Gesamtkatalog ein.

Nur «Night Sweats» fällt ab mit Stampf-Beat und etwas aufdringlichem E-Gitarren-Solo. Ansonsten ließen sich die Stücke auch ohne elektronischen Zierrat auf einer Klampfe spielen - immer ein gutes Zeichen. Fazit: «Guesswork» ist eines der stärksten Cole-Alben seit «Love Story» (1995), seinem zweiten großen Meisterwerk nach «Rattlesnakes».

Dass er sechs Jahre benötigte bis zu dieser neuen Platte, begründet Lloyd Cole im Deutschlandfunk-Interview so: «Ein Grund, warum es so lange gedauert hat, bis ich mit diesem Projekt anfangen konnte, war Angst. Ich wusste nicht, ob ich die Belastung aushalten würde, für ein Jahr alleine mit mir in einem Raum zu sein. Egal wie viel Freude es manchmal bringt, etwas aufzunehmen - die Arbeit an sich zehrt mich aus.»

So sei «Guesswork» (zu deutsch: Rätselraten, Mutmaßen) eine große Herausforderung für ihn geworden. «Es gab viele Tage, an denen ich mir nicht sicher war, ob ich das Ganze abschließen kann.» Zum Glück für Fans zeitlos schöner Singer-Songwriter-Musik mit dem gewissen Etwas hat Cole es geschafft.

Website Lloyd Cole

 

 

 

Anima - Es bleibt kompliziert: Elektropop von Thom Yorke

Kryptisch, komplex und nicht immer leicht zugänglich: Neue Musik von Thom Yorke. Foto: Amy Harris/AP

Berlin (dpa) - Seine Hauptband Radiohead ist seit drei Jahren verstummt, doch Sänger Thom Yorke ruht sich als mittelalte Rocklegende nicht auf den Lorbeeren aus.

Mit Produzenten-Genie Nigel Godrich und Computerkünstler Tarik Barri zieht der 50-Jährige durch die Welt, um seine Solowerke live aufzuführen. Diese unterscheiden sich vom Radiohead-Sound - auch auf «Anima», dem jetzt erschienenen dritten Yorke-Studioalbum, einer betörenden, manchmal auch anstrengenden Elektropop-Mixtur.

Zwar war das 1985 gegründete Gitarrenrock-Quintett aus Oxford nach einem der atemberaubendsten Stil-Schwenks der Pophistorie mit den Alben «Kid A» (2000) und «Amnesiac» (2001) selbst zur elektronischen Musik konvertiert. Doch so konsequent wie Thom Yorke in seinem Soloschaffen waren Radiohead am Ende nicht. Das wunderschöne «A Moon Shaped Pool» (2016) etwa markierte eine Rückkehr zum Songformat und verschaffte der Band wieder einen Nummer-eins-Hit im heimischen Großbritannien.

Das weniger auf Gefälligkeit zielende «Anima» geht einher mit einem gleichnamigen, bei Netflix abrufbaren Video des Oscar-dekorierten Regisseurs Paul Thomas Anderson («Magnolia», «There Will Be Blood»). Darunter macht es der in seinem künstlerischen Anspruch durchaus zur Eitelkeit neigende Yorke offenbar nicht. Drei der neun Albumtracks tauchen in dem Kurzfilm auf.

Wer nun - nach einer kurzfristigen digitalen Vorab-Veröffentlichung Ende Juni - das ganze Werk auf CD oder Vinyl hört, wird sich der Sogkraft dieser Laptop-Musik kaum entziehen können. Wie schon auf seinem teilweise orchestralen Soundtrack für den Horrorfilm «Suspiria» im vergangenen Jahr legt es Yorke kaum auf zugängliche Melodien mit Strophe und Refrain an, sondern auf verschachtelte Klanggemälde.

Bis auf wenige Schlagzeugpassagen von Top-Studiodrummer Joey Waronker und Radiohead-Kumpel Phil Selway wird hier praktisch alles mit modernster Elektronik erzeugt. Über dem Geknister und Gedröhne, den Stolper-Beats, Loops und Soundeffekten liegt schließlich dieser hohe, klagende, anrührende Yorke-Gesang. Die Texte bleiben meist kryptisch.

Gleichwohl sind diese Tracks - ungeachtet ihrer komplizierten Struktur - insgesamt einnehmender als auf den beiden ersten Soloalben des Radiohead-Frontmannes («The Eraser» von 2006 und «Tomorrow’s Modern Boxes» von 2014). Besonders die ätherische Ballade «Dawn Chorus», das von einem unwiderstehlichen Bass-Groove angetriebene «Impossible Knots» und das mit afrikanischen Wüstenblues-Versatzstücken jonglierende «Runwayaway» stechen hervor.

Radiohead haben sich trotz längerer Funkstille bisher nicht aufgelöst - obwohl von einer solchen quasi unausweichlichen Entscheidung seit Jahren gemunkelt wird, weil die Band alles erreicht und ausprobiert habe. Klar ist aber auch, dass zumindest ihr Sänger mit seinen ambitionierten Soloalben und auch Gitarrist Jonny Greenwood als etablierter Hollywood-Soundtrack-Komponist längst fest auf eigenen Füßen stehen. «Anima», ein kleines Wunderwerk des Elektropop, unterstreicht erneut Thom Yorkes spannende Weiterentwicklung - und seine Ausnahmestellung.

Wasteheadquarters

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